Ethereum-Forscher Justin Drake hat die Blockchain-Branche in einem viralen Post mit mehr als 3 Millionen Aufrufen am 7. Oktober aufgerufen, sich auf mögliche KI-beschleunigte Angriffe auf die Kryptografie von Wallets vorzubereiten.
Seine Empfehlung: Krypto-Besitzer sollten ihre Bestände kontrolliert auf Adressen mit verborgenen öffentlichen Schlüsseln verschieben. Der Vorschlag stößt jedoch auch auf namhafte Kritik.
Drake hält einen ECDSA-Bruch binnen Monaten für möglich
Drake prognostiziert, dass das ECDSA-Signaturverfahren schon vor dem sogenannten Q-Day gebrochen werden könnte, also bevor ausreichend leistungsfähige Quantencomputer verfügbar sind. Laut ihm könnte das im ungünstigsten Fall nur noch Monate statt Jahre dauern.
Als mögliches Szenario beschreibt Drake das Knacken eines privaten Schlüssels innerhalb etwa einer Woche mit vorhandener Hardware, beispielsweise einem großen GPU-Cluster. Seinen persönlichen Vorschlag formuliert Drake so:
„Heute rufe ich die Blockchain-Branche dazu auf, in aller Ruhe mit der Planung für einen ‚Bunkermodus‘ zu beginnen. Meine persönliche Empfehlung ist, eine kontrollierte Massenmigration von Vermögenswerten auf neue Adressen in Gang zu setzen, also auf Adressen, deren öffentliche Schlüssel hinter einem Hash verborgen bleiben.“
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Drake empfiehlt, dass zunächst große, technisch versierte Halter erwägen sollten, den Großteil ihrer Bestände auf Adressen zu übertragen, die noch keine Transaktion signiert haben. Nach einer Signatur sollten auch Restbestände auf eine neue Adresse wechseln.
Diese könne aus derselben Seed-Phrase erzeugt werden. Neue Wallets oder neue Kryptografie seien dafür nicht erforderlich. Drake betont jedoch ausdrücklich, dass eine überstürzte Migration mehr schaden als nutzen würde.
Konkret nennt er Binance, Bitbank, Robinhood, Bitfinex und Tether als Akteure, die ihre Cold Storage absichern könnten. Bestände unter 50 BTC hätten nach seiner Einschätzung einen gewissen Schutz durch „Satoshis Schild“, rund 20.000 Adressen mit jeweils 50 BTC. Drake spekuliert also, dass Angreifer zunächst die Wallets von Bitcoin-Gründer Satoshi Nakamoto ins Visier nehmen könnten.
Warum KI den bisherigen Zeitplan infrage stellen könnte
Anlass für Drakes Warnung ist unter anderem OpenAIs Veröffentlichung vom 6. Oktober, bei der das Unternehmen mathematische Arbeiten eines internen KI-Modells veröffentlichte.
Drake verweist auf 722 neue mathematische Ergebnisse und nennt Fortschritte bei der Ganzzahlmultiplikation, der 3SUM-Vermutung und dem Erdős-Einheitsabstandsproblem als Beispiele für den erschreckend schnellen Fortschritt. Seine Schlussfolgerung lautet, dass KI auch bislang unentdeckte Angriffsmöglichkeiten gegen kryptografische Verfahren finden könnte.
Elliptische Kurven hält er wegen ihrer mathematischen Struktur für besonders anfällig. Hashfunktionen seien dagegen darauf ausgelegt, solche Strukturen zu minimieren.
Drake fordert außerdem Offenheit für einen möglichen klassischen Gegenpart zu Shors Quantenalgorithmus, der sowohl elliptische Kurven als auch RSA angreifen könnte. Einen entsprechenden neuen Algorithmus präsentiert er jedoch nicht.
Die aus seiner Sicht auffällig wenigen kryptografischen Durchbrüche in der OpenAI-Sammlung deutet Drake zudem als mögliches Zeichen staatlicher Eingriffe.
Guillemet warnt vor den Folgen einer Massenmigration
Der geschäftsführende Gesellschafter beim Krypto-Venturefonds Dragonfly, Haseeb Qureshi, unterstützt Drakes These. Das Risiko liege seiner Meinung nach in klassischer Mathematik, die unbewiesene kryptografische Sicherheitsannahmen gefährden könnte:
„Bei genauerer Überlegung halte ich das für eine sehr nüchterne Einschätzung. Angesichts der rasanten Fortschritte in der Mathematik gibt es keinen Grund, unnötige Risiken einzugehen. Das Risiko liegt nicht bei Quantencomputern, sondern schlicht darin, dass herkömmliche Mathematik unbewiesene Annahmen zur kryptographischen Härte widerlegt.“
Ledger-CTO Charles Guillemet hält dagegen die Annahme eines klassischen ECDSA-Bruchs binnen Monaten als Planungsgrundlage für überzogene Angstmache. Ein praktikabler Angriff auf secp256k1 oder ähnliche Kurven würde nach seiner Einschätzung weit über Bitcoin und Ethereum hinausreichen und auch TLS, Code-Signaturen, Bankensysteme sowie große Teile der Public-Key-Infrastruktur gefährden. Er schreibt:
„Eine ruhige Verbesserung der Sicherheitsroutine, etwa Adressen nach der ersten Signatur nicht wiederzuverwenden, ist für große Halter sinnvoll, und alle guten Wallets fördern die Verwendung neuer Adressen. Ein Aufruf zu einer ‚Massenmigration‘ würde jedoch Fehler bei der Durchführung verursachen, durch die Gelder mit höherer Wahrscheinlichkeit verloren gingen als durch das Szenario, vor dem sie schützen soll.“
Guillemet weist außerdem darauf hin, dass erschütterte mathematische Gewissheiten auch Hashfunktionen betreffen könnten. Die Umstellung auf Post-Quanten-Kryptografie sollte seiner Ansicht nach nicht durch zusätzliche Verwirrung erschwert werden.
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Buterin sieht neue Risiken
Ethereum-Mitbegründer Vitalik Buterin sieht ebenfalls eine grundsätzliche Bedrohung, warnt aber ebenfalls vor hektischen Transfers:
„Ich empfehle niemandem, heute hektisch seine Gelder auf neue Wallets zu verschieben. Wir sollten die Risiken, die durch KI-beschleunigte Mathematik für die Kryptografie entstehen, aber ernst nehmen und unsere Abhängigkeit von Kryptografie minimieren, die nicht nur für Quantencomputer, sondern möglicherweise auch für KI anfällig ist.“
Besonders im Blick hat er gitterbasierte Verfahren, darunter ML-DSA und vollständig homomorphe Verschlüsselung. Innerhalb der nächsten zwei Jahre könnten KI-Fortschritte deren konkrete Sicherheit erheblich schwächen. Als Vergleich nennt er effizientere Faktorisierungsverfahren, durch die RSA heute deutlich größere Schlüssel benötigt.
Ethereums Lean-Roadmap setze deshalb bei Signaturen und Beweisen auf Hashfunktionen. Als Signaturverfahren nennt er WOTS und SPHINCS. Für Public-Key-Verschlüsselung sieht Buterin jedoch Grenzen dieses Ansatzes, da sie zusätzliche mathematische Struktur benötigt.
Für Multisig-Wallets bevorzugt er Bestätigungen außerhalb der Blockchain, damit Signaturen nicht öffentlich werden. Im ECDSA-Ausfallszenario hinge die Sicherheit dann vom Signatursammler ab.
Auch verschlüsselte Datensätze aus Privacy-Protokollen sollten möglichst außerhalb der Blockchain übertragen werden. Bei Migrationen mahnt er besondere Sorgfalt an, da ihn missglückte Umstellungen persönlich mehr Geld gekostet hätten als sämtliche Hacks zusammen.












